Ich esse lieber Wildlachs!

Philipp Hämmerli | 28. Januar 2026

Wer kennt sie nicht: Jene Menschen, die den unberührten Wildfisch aus Alaska wegen seines natürlichen Daseins dem bösen, minderwertigen Zuchtlachs bevorzugen. Er schmecke zudem einfach besser. Die Realität ist eine andere. Bereits 1970 begann man in Nordamerika mit Aufzuchtstationen (engl. „Hatcheries“), um die Fangerträge anfänglich zu stabilisieren und später sogar zu steigern. Heute stammt rund jeder dritte gefangene „Wildlachs“ in Alaska ursprünglich aus einer menschengemachten Aufzucht.

Wilder pazifischer Lachs (Sockeye), der sich vor dem Laichen rot färbt

Ob Zürichsee oder Alaska

Es muss nicht mal Alaska sein. Bereits am Zürichsee werden alljährlich zwischen 50 und 100 Millionen lokale Kleinfische ausgesetzt. Am Ende resultiert ein bescheidener Wildfang von 200 Tonnen. Das ist lediglich etwa ein Fünftel eines einzelnen (!) Netzes mit Zuchtlachs in Norwegen und reicht gerade mal für rund 600‘000 Mahlzeiten. Die Aufzuchtstation in Stäfa am Zürichsee existiert seit 1942. Offensichtlich stellte man bereits damals fest, dass Ökosysteme sich verändern und menschliche Eingriffe zum Erhalt der Spezies notwendig sind. Um nicht in die Genetik einzugreifen, werden laichreife Fische im See gefangen. Die Kleinfische schlüpfen in den Aufzuchtstationen aus ihren Eiern und werden gefüttert, bevor sie ab einer bestimmten Grösse zurück ins heimische Gewässer entlassen werden. Dasselbe geschieht im Übrigen mit der Bewirtschaftung von unzähligen Flüssen und Bächen, wo Anglervereine seit Jahrzehnten Fische verschiedener Spezies aussetzen, weil die natürliche Fortpflanzung stockt.

Abbild der Aufzucht und Ernte von Wildlachsen in Alaska

Wildfangmenge schwankt stark

In Alaska startete das Hatchery-Programm in den 70er Jahren, nachdem ein neuerlicher Rückgang der Ernte auf noch rund 25 Millionen Lachse die wichtigste Industrie und damit den Wohlstand gefährdete. Heute existieren 26 solcher Aufzuchtstationen in Alaska. Fangdaten zurück bis 1900 zeigen, dass schon immer eine grosse Volatilität bei der Rückkehr von Lachsen in ihr Laichhabitat und damit der Ernte Bestand hatte. Von Versorgungssicherheit für die wachsende Bevölkerung der USA konnte keine Rede sein. Das Aufzuchtprogramm schien zügig zur Erholung der Bestände beigetragen zu haben. Nicht nur wurden mehr Hatchery-Lachse gefangen, auch die Ernte von komplett in der Wildnis reproduzierenden Lachse nahm zu. Im Spitzenjahr 2013 stammten 97 Millionen der fast 280 Millionen gefangenen Lachse ursprünglich aus Aufzuchtstationen – sprich 35%. Generell hat sich die jährliche Fangmenge nach 1980 im Vergleich zu den 80 Jahren zuvor verdoppelt.

Fangstatistik seit 1900 für Wildlachs in Alaska nach Aufzuchtmethode

Wildnis ist ein brutaler Ort

Im Unterschied zur Aquakultur über den gesamten Lebensabschnitt werden Hatchery-Lachse für die teure Phase der Fütterung in die Wildnis entlassen - in der Hoffnung sie kehren in wenigen Jahren gut gefüttert zurück. Mittlerweile sind dies 1‘800 Millionen Tiere, die in robustem Zustand in Alaska jedes Jahr dem Meer übergeben werden. Die Rückkehrrate lag zuletzt stets bei unter 5%. Die restlichen >95% überleben den Meereszyklus nicht, man darf davon ausgehen, dass sie als Futter für grössere Raubfische enden. In der Summe scheint sich das Unterfangen für die Fischereiindustrie Alaskas dennoch zu lohnen. Moralisch kann man sich fragen, ob eine Überlebensrate in der Zucht von etwa 85% oder eine 5% Chance in der Wildnis besser für den Fisch ist. Wer nun denkt, das Alaska-Modell einfach auf andere Küstennationen wie Norwegen zu kopieren, vergleicht Birnen mit Äpfeln. Faktoren wie Klimawandel und intakte Flusssysteme ohne menschlichen Eingriff sind noch zu berücksichtigen. Im Rhein schwammen vor 150 Jahren ebenfalls noch Lachse zahlreich bis in die Schweiz, seit 1950 gelten sie als ausgestorben.

Entlassung der Jungfische in orange (Skala links) vs. Rückkehr in schwarz (Skala rechts)

Zuchtlachs versus Wildlachs

Die Fische gegeneinander auszuspielen, bringt kein klares Resultat. Die Nährwerte um Proteine und Omega-3-Fettsäuren sind praktisch identisch und von der effektiven Nahrungsaufnahme abhängig. So könnte Wildlachs toxische Stoffe oder Mikroplastik unkontrolliert im Meer aufnehmen, der Zuchtlachs dagegen mit einer minderwertigen Diät ausgestattet sein. Wo der Zuchtlachs aber klar Vorteile bringt, ist in der Saisonalität. Frischer Wildlachs aus Alaska ist von Mai bis Oktober verfügbar, wird aber zumeist wegen des Transportweges gefroren. Für Zuchtlachse, die täglich das ganze Jahr über geerntet werden, konnte eine Wertschöpfungskette aufgebaut werden, die frischen Fisch in praktisch alle Länder dieser Welt innert 2-3 Tagen versenden kann.

Jährliches Erntevolumen von Zuchtlachs wesentlich stabiler und grösser als Wildlachs

Fazit

Alaska und die Schweiz darf sich ein Stück Aquakulturgeschichte einverleiben. Die Mär vom wilden Lachs verliert aber zusehends an Bedeutung, wenn immer mehr Fische den ersten Lebensabschnitt in einer Aufzuchtstation verbringen. Es ist verständlich, dass man sich Harmonie mit der Natur wünscht, aber ein Planet mit bald 10 Milliarden hungriger Menschen wartet auf uns. Versorgungssicherheit wird zum zentralen Thema und da hat Glück oder Hoffnung auf gute Wildfänge von Mutter Natur nichts verloren. Die Zukunft gehört der ganzheitlichen Aquakultur - vielleicht auch irgendwann in Alaska.

Lachszucht in Norwegen in Netzkäfigen

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